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ORN #16 So arbeiten Drogenkuriere auf Telegram

Auf der Suche nach einem Tool, das genau das kann, was ihr braucht? Dafür gibt es – nun ja – ein Tool. Im Werkstatt-Interview berichtet Jan Karon, warum er sich für den rbb als Drogenkurier bei Telegram beworben hat. Willkommen zur Ausgabe #16.
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AlternativeTo: Die Werkzeug-Datenbank

Screenshot: Alternativeto.net
Wofür braucht man das? Wer ein digitales Werkzeug sucht, könnte bei AlternativeTo fündig werden. Einfach in die Suchleiste tippen, was man gerne haben möchte, schon erscheint eine Liste an Vorschlägen, sortiert nach Bewertungen und Kommentaren aus der Community. Außerdem steht dabei, ob die Software quelloffen ist oder nicht.

Wie funktioniert das? Hinter AlternativeTo stecken die schwedischen Entwickler Ola Johansson und Markus Olausson. Gepflegt und erweitert wird die Datenbank von der Community selbst. Sie umfasst mehr als 100.000 Software-Tipps und es werden ständig mehr. Eigentlich war die Seite dazu gedacht, Alternativen für Software zu finden, die man bereits kennt, beispielsweise: den perfekten Photoshop-Ersatz. Inzwischen ist die Datenbank aber so groß, dass auch allgemeine Suchanfragen und Tags spannende Ergebnisse erzielen, zum Beispiel eine Suche nach Web-Scrapern.

Was muss man beachten? Weil die Tipps von der Community kommen, kann man sich nicht darauf verlassen, dass alle Werkzeuge sicher sind und funktionieren.

Wheregoes.com: Shortlinks durchleuchten

www.rtlnau.de | Screenshot: wheregoes.com
Wofür braucht man das? Es gibt Links, die möchte man lieber nicht anklicken, vor allem wenn sie von Fremden kommen. Schließlich könnte dahinter eine Schadsoftware lauern. Bei einem Shortlink wie t1p.de/suspicious lässt sich nicht einmal erahnen, auf welche Website er führt. Das Browser-Tool wheregoes.com klickt solche Links an, damit ihr es nicht tun müsst.

Wie funktioniert das? Bei wheregoes.com lässt sich ein fragwürdiger Link in die Suchleiste kopieren. Das Tool schlüsselt dann übersichtlich auf, was passieren würde, wenn man diesem Link folgt. Dabei zeigt wheregoes.com auch die zugehörigen HTTP-Statuscodes an. Mit solchen Codes drücken Server aus, was die Abfrage des Links bei ihnen ausgelöst hat. Zum Beispiel bedeutet der Statuscode 404: Die gewünschte Seite gibt es nicht. Und Statuscode 301 heißt, dass man auf eine andere Seite weitergeleitet wurde.

Was muss man beachten? Ob eine verlinkte Seite wirklich sicher ist, das kann wheregoes.com zwar nicht verraten. Aber das Tool kann den Schleier lüften, wenn jemand den eigentlichen Link verbergen möchte.
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Freundliche Übernahme: SEED

Bei der freundlichen Übernahme räumen sich Newsletter, die gut zusammenpassen, gegenseitig Platz für Gastbeiträge ein. Dieser hier kommt von SEED, dem Newsletter zum Nonprofitjournalismus von Netzwerk Recherche.
Follow the Grant: Datenbank für mehr Transparenz in der Medizin
 
Manche Recherchen sind so aufwändig, dass sie Jahre dauern. Und manche dauern nicht nur Jahre, sondern gelingen nur dann, wenn man ein eigenes Tool entwickelt. So ist das Team von "Follow the Grant" vorgegangen, als sie zu Interessenkonflikten in der Wissenschaft recherchiert haben. Daraus ist eine Datenbank zur Bio-Medizin geworden, in der sich Angaben zu 15 Millionen möglichen Konflikten finden. Das ging nur mit Fördergeldern und Support.
 
Wie solche Innovationen entstehen und den Journalismus reicher machen, das beobachten und analysieren wir in SEED, dem Newsletter für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt. "Wir" – das ist ein Team von Netzwerk Recherche. In dem regelmäßigen Update präsentieren wir starke Recherchen aus gemeinnützigen Redaktionen, informieren über innovative Projekte und fassen das Wichtigste aus Ratgebern und Studien sowie aus Politik und Stiftungswelt zusammen. Zum kostenlosen SEED-Abo geht es hier: nrch.de/seedabo
 
Was kann man in der Datenbank von "Follow the Grant" finden? Das Team hat die "Conflict of Interest"-Statements der Autor:innen wissenschaftlicher Publikationen ausgewertet. Darin finden sich Angaben zu Forscher:innen aus der ganzen Welt.
 
Wie nutze ich die Datenbank? Die Datenbank macht es möglich, sich anhand eines Namens einen Überblick über Interessenkonflikte zu verschaffen, die dann ein guter Ausgangspunkt für weitere Recherchen sind. Gibt es zum Beispiel Ärzt:innen, die in bestimmten Veröffentlichungen Interessenkonflikte angeben, in anderen aber nicht? Machen die Forscher:innen alle Verbindungen zur Pharmaindustrie transparent, wenn die Daten belegen, dass sie Zahlungen von Unternehmen erhalten haben?
 
Wie bekomme ich Zugang? Auf Anfrage öffnet "Follow The Grant" die Datenbank für andere Journalist:innen. Schreibt dafür einfach eine E-Mail an das Rechercheteam um Hristio Boytchev: info@followthegrant.org.

Interview: Bewerbung als Drogenkurier

Jan Karon | Foto: Laurenz Bostedt
Diese Recherche war so nicht geplant. Zunächst wollte Journalist Jan Karon mit seinen Kolleg:innen über illegale Raves in Berlin berichten. Doch eine Geschichte über Raves lässt sich nicht erzählen, ohne auch über Drogen und Telegram zu sprechen. Die rbb-Doku aus der Reihe "Schattenwelten Berlin" macht also beides: Jan Karon und Anja Buwert tauchen in die Techno-Szene ein – und in den illegalen Marktplatz von Telegram.

Im Interview erzählt Jan, warum er sich für die Recherche selbst als Drogenkurier beworben hat, und wie das Team einen Dealer für ein Interview vor die Kamera gekriegt hat.


Jan, zum Drogen-Marktplatz Telegram wurde schon viel berichtet. Was ist das Neue eurer Recherche?
Wir haben nicht nur zum Verkauf der Drogen recherchiert, sondern auch, wie Admins die Gruppen verwalten, wie diese zusammenhängen und wie neue Kuriere rekrutiert werden.

Wie seid ihr bei der Recherche vorgegangen?
Als erstes habe ich ein paar Kontakte gebeten, mich in solche Telegram-Gruppen einzuladen. Dafür habe ich ein Burnerphone genutzt, also ein separates Telefon, das ich nur für die Recherche verwende. Am Anfang waren es fünf Gruppen. Doch es wurden immer mehr. Wenn du erstmal drin bist, fügen dich die Admins zu immer weiteren Gruppen hinzu, selbst wenn du nichts schreibst. Nach ein paar Tagen waren es schon vierzig.

Warum passiert das?
Da können wir nur spekulieren. Vielleicht soll das sicherstellen, dass der Handel immer weitergeht, auch wenn mal eine Gruppe gelöscht wird.

Ist es vielleicht ein Wettbewerb um Sichtbarkeit? Wenn du einer neuen Telegram-Gruppe hinzugefügt wirst, landet das ganz oben in der App.
Interessante Hypothese. Aber wir wissen es nicht. Was wir wissen ist, dass sich Admins in den Gruppen einen eigenen Stamm an Kund:innen hochziehen. Das ist eine wichtige Stufe in der Karriereleiter.

Wie hast du das herausgefunden?
Ich habe mich selbst als Kurier beworben, undercover. Meine Geschichte war, dass ich 26 Jahre alt bin, im Wedding lebe und Geld brauche. Jobs als Kurier wurden ausdrücklich in den Telegram-Gruppen angeboten. Ich habe unabhängig voneinander zwei Männer getroffen, die eigene Telegram-Gruppen betreiben. In der Doku haben wir nur eines der beiden Treffen gezeigt. Bei den Treffen habe ich gelernt, dass man die Karriere als Drogenkurier beginnen kann. Man bekommt ein neues Telefon, und darüber erreichen einen die ersten Aufträge. Mit der Zeit wächst ein Stamm an Kund:innen. Und irgendwann soll man eigene Telegram-Gruppen betreiben können, eigene Kuriere beschäftigen.

In Newsletter-Ausgabe #9 hat Anika Swientek von ihren Telegram-Recherchen erzählt. Um sich vor Mitgliedern der organisierten Kriminalität zu schützen, hatte sie bewusst keinen Kontakt zu den Admins. Du hast die Admins persönlich getroffen. Lebst du gern gefährlich?
Ich hoffe nicht. Uns ging es um Erkenntnisgewinn. Aber etwas riskant war es vielleicht schon. Die Treffen waren in der Öffentlichkeit, wir sind spazieren gegangen. Meine Kolleg:innen haben mich vom Auto aus gefilmt und geschaut ob alles in Ordnung ist. Ich hatte eine versteckte Kamera dabei. Ich war durchaus nervös und hatte viel Respekt. Andererseits wussten die Leute nicht, dass ich Journalist bin. Und ich glaube auch, die Hemmschwelle für Leute aus der organisierten Kriminalität, Journalist:innen anzugreifen, ist trotz allem relativ hoch. Das bringt in der Regel noch mehr Öffentlichkeit, und das wollen die nicht.
 

"Telegram ist ein Ort, an dem Kriminalität live passiert"


Einen anderen Kurier habt ihr für ein Interview mit deiner Kollegin Anja Buwert vor die Kamera bekommen. Wie habt ihr das geschafft?
Das war wahnsinnig schwierig. Wir haben es wochenlang auf Telegram versucht. Immer wieder haben wir Admins im privaten Chat kontaktiert. Wir haben uns als Reporter:innen zu erkennen gegeben und sinngemäß geschrieben: Hey ich will dir nichts Böses, ich möchte die Realität abbilden, du bist genau der Richtige dafür. Viele haben uns direkt geblockt. Andere haben uns verarscht. Sie haben Termine mit uns gemacht und sind nie gekommen. Einmal hat ein Kontakt, als er meinen Namen erfahren hat, die gesamte Telegram-Gruppe gewarnt. Er hat geschrieben, passt auf, hier ist ein Reporter unterwegs, der heißt Jan Karon. Dass man in Telegram-Gruppen gedoxt werden kann, war auch eine neue Erkenntnis für uns und unangenehm. Wir dachten, das mit dem Interview klappt nie, es war zum Kotzen. Aber dann war doch einer bereit, maskiert und mit verfremdeter Stimme. Wir haben mit ihm vereinbart, dass er das Rohmaterial des Interviews sehen darf, aber dass wir am Ende entscheiden, was wir davon in den Film nehmen.

Was hast du durch die Recherche gelernt?
Ich habe gelernt, wie organisiert der Drogenhandel abläuft. Die Kuriere haben mir erzählt, sie hätten eigene Anwälte, die dich genau vorbereiten, was du tun musst, wenn du von der Polizei angehalten wirst. Das sind keine Laien, die mal eben ein paar Drogen verkaufen. Das ist ein System, von dem sich Menschen sehr viel Geld versprechen. Es gibt ausgeklügelte Arbeitsteilung wie in Dienstleistungsfirmen. So wird die ganze Stadt mit Drogen versorgt. Mir hat das die Augen geöffnet. Ich habe den Eindruck, dass die Strafverfolgung bei all dem nicht hinterherkommt.

Gibt es Dinge, die du noch gerne herausgefunden hättest?
Ja. Wir sprechen in dem Film über Drogen, aber man kann auf Telegram auch anderes Zeug kaufen. Waffen, Ausweise, Medikamente. Telegram ist ein Ort, an dem Kriminalität live passiert. Die Branche hat sich fast komplett digitalisiert, lange bevor Strafverfolgungsbehörden das geschafft haben. Ich glaube, Telegram wird in den nächsten Jahren noch wichtiger werden, und ich kann Kolleg:innen nur ermuntern, da mehr zu recherchieren.
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Sebastian schreiben
Lieben Dank fürs Lesen und viel Erfolg bei der Recherche!
Sebastian
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