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Miteinander tuschelnd, fuchteln bunte Touristen mit den Armen wie eine Schar Oktopoden. Ein kleiner Junge zeigt mit seinem Riesenlutscher in der Hand auf dich, bevor er seine blaue Zunge wieder zu Werke schickt.
Du stehst auf dem Dach des Rathauses deiner Stadt. Die Gemeinde hat sich unter dir versammelt. Der Wind weht dir um die Nase, trägt den Duft von aufgeheiztem Beton und Gemütern mit sich.
Doch du bist nicht in zehn Meter Höhe geklettert, um zu springen.
Du bist hier, um zu schreien!
Den letzten Satz in deinem Leben.
Du schreist heraus, was du schon immer allen sagen wolltest. 
Und du weißt, alle werden deinen Satz hören, auch in den entlegensten Winkeln dieser Erde.
Bitte, schreib mir den Satz, den du herausrufst!
Drück auf Email beantworten und sende mir deinen Gedanken.


Diese Übung ist aus einem (wundervollen) Schreibratgeber, den ich gerade lese. 
Das Ziel dabei ist es, deine einzigartige Stimme zu finden.
Wenn dich mein Ergebnis interessiert, dann lies weiter.
Ich verspreche dir eine schonungslose Reise durch meine Psyche.

Also, ich stehe da auf diesem Hausdach und mir fällt nichts besseres ein als zu schreien:
"Warum denkt ihr nicht nach, seht ihr es nicht?"
Labberig oder? Das war Version eins. Was auch immer ich damit meinen könnte.

Jetzt drängt mich die Übung meinen initialen Ausruf zu überarbeiten.
Aufgabe: Ändere den Satz so, dass er nur von dir kommen kann.

So kam ich zu Version Zwei:
"Warum denkt ihr bloß, dass sich Menschen nicht ändern können, seht ihr denn nicht, dass das eine Ausrede ist?"
Oh je, das tut mir selbst beim Abschreiben weh. 

Aber wir sind noch nicht am Ende meiner Seelenfahrt.
Nächste Aufgabe ist, sich zu fragen, ob der Satz wie eine Bombe einschlägt (hüstel, Nein) und wie er dazu umgeschrieben werde könnte.

So enstand Version Drei:
"Die einfachste Ausrede eines jeden Menschen ist, dass er eben so ist wie er ist, so bleiben würde, wie er sei, aus Faulheit sich zu ändern."
Mein Güte ...

Nun gängelt mich die Aufgabe, zu überlegen, ob die Menge diesen Satz bejubeln würde.
Japp, negativ! 
Ändere es, dass dein Volk vor Zustimmung weint.

Version Vier:
"Es gibt Hoffnung für die Menschheit, denn es ist nur Faulheit, die den Menschen im Status Quo verführt."
Ah ja ... Hast du eben gejubelt?

Die Aufgabe geht weiter. Der Mensch, den ich am meisten liebe, reagiert ablehnend auf den Satz. Was erwidere ich?
Antwort: 
"Wenn Menschen sich nicht ändern können, wie haben wir es dann aus der Höhle aufs Feld geschafft, vom abergläubischen Schlächter zum Humanisten, und vom Raucher zum Nichtraucher?"

Nun zerstreut sich die Menge und nur mein ärgster Feind bleibt zurück. 
Er sagt lässig: "Ich habe dich nicht verstanden, kannst du das noch einmal sagen?"
Noch eine Chance meinen Satz so zu wählen, dass er meinen schlimmsten Gegner übersteht.

Version 5:
"Wieso erlauben wir es der Faulheit, als Ausrede für den Status Quo hausieren zu gehen, wenn sich unsere Ahnen doch vom Sterndeuter hin zum Sternenwanderer, vom schicksalsergebenen Schlächter zum Humanisten, und vom Raucher zum Nichtraucher schleiften?"
Sehr gut! Ich klopfe mir auf die Schulter.
Oder doch nicht?

Die Aufgabe geht noch weiter: Der Satz darf nur geflüstert werden! Wie ändere ich ihn, dass er sich dafür eignet?

Version 6:
"Die Menschheit hat sich vom Sterndeuter zum Nichtraucher geschleift, also ist jedes Plädoyer für den Status Quo nur Faulheit."
Psst, Leise!

Und nun der letzte Schritt. Ich soll über alle Versionen schauen und die Eigenheiten der stärksten zum finalen Satz kombinieren.

Version 7:
"Ich frage mich, wie sich der Mensch vom Sterndeuter zum Nichtraucher schleifte, wenn er doch aus Bequemlichkeit unermüdlich sein Plädoyer für den Status Quo verliest."

Noch dabei?
Was soll der Quatsch?, denkst du vielleicht.
Es zeigt, wie schlecht der erste Entwurf eines Manuskripts ist;
wie viel Überarbeitung oft notwendig ist; 
was es bedeutet schöne Sätze für den Leser zu formen.

Und nun leih mir bitte deine einzigartige Stimme und bewerte doch den Höllenhund.
 
Dein
Lew Marschall
Den Höllenhund gibt's hier.
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